Die Mistel: Gefahr für unsere Streuobstwiesen

Weihnachtsschmuck oder Baumkiller? Die Weißbeerige Mistel (Viscum album) ist beides. Doch was als romantischer Brauch über der Tür hängt, wird auf unseren heimischen Streuobstwiesen zunehmend zu einer existenziellen Bedrohung für die alten Bestände.

Hier erklären wir euch die Hintergründe, die Biologie und warum wir zur Säge greifen müssen.

Die Biologie: Ein durstiger Gast

Die Mistel ist botanisch gesehen ein Halbschmarotzer. Das bedeutet: Sie betreibt zwar selbst Photosynthese (deshalb ist sie grün), aber sie zapft die Leitungsbahnen des Wirtsbaumes an, um sich mit Wasser und darin gelösten Mineralsalzen zu versorgen.

Dazu bildet sie sogenannte Haustorien (Saugwurzeln), die tief in das Holz des Astes eindringen.

Die Problematik: Warum der Baum stirbt

In Zeiten des Klimawandels mit zunehmend heißen und trockenen Sommern wird dieser Wasserraub zum tödlichen Problem:

  1. Trockenstress: Die Mistel hat keine effiziente Wasserregulation. Sie verdunstet auch dann noch Wasser, wenn der Baum bereits die Spaltöffnungen schließt, um sich zu schützen. Sie “trinkt” den Baum buchstäblich leer.

  2. Absterben von Kronenteilen: Der Astteil oberhalb der Mistel wird nicht mehr ausreichend versorgt und stirbt ab.

  3. Statik: Mistelbüsche können sehr groß und schwer werden. Besonders im Winter, wenn der Obstbaum kein Laub trägt, bieten die immergrünen Misteln dem Wind eine große Angriffsfläche. Astbrüche sind die Folge.

  4. Das Ende: Bei starkem Befall verhungert und verdurstet der Baum schleichend. Er stellt das Wachstum ein und stirbt schließlich ganz ab.

Grafik zur Wasseraufnahme der Mistel

Schematische Darstellung: Die Mistel entzieht dem Ast Wasser und Nährstoffe.

Die Verbreitung: Eine Explosion

Früher war die Mistel in unserer Region seltener. Heute beobachten wir eine exponentielle Ausbreitung. Der Hauptgrund sind Vögel (z.B. die Misteldrossel oder die Mönchsgrasmücke), die die klebrigen Beeren fressen.

Die Samen werden unverdaut ausgeschieden oder am Ast abgestreift. Der klebrige Schleim sorgt dafür, dass der Samen am Ast haften bleibt und dort keimt. Da wir immer weniger strenge Winter haben, überleben fast alle Keimlinge.

Warum wir eingreifen müssen (Bekämpfung)

Oft hören wir die Frage: “Warum lasst ihr der Natur nicht ihren Lauf?”

Die Antwort ist einfach: Streuobstwiesen sind keine Wildnis, sondern eine Kulturlandschaft. Sie wurden vom Menschen geschaffen und müssen gepflegt werden, um zu existieren. Ohne Pflege vergreisen die Bäume, brechen unter der Mistellast zusammen und die Wiese verbuscht.

Um den Lebensraum Streuobstwiese – und damit das Zuhause für Steinkauz, Specht und Co. – zu retten, ist die konsequente Mistelbekämpfung alternativlos.

So gehen wir vor

Einfaches Abbrechen der Mistel reicht nicht, da die Saugwurzeln im Holz verbleiben und die Pflanze wieder austreibt.

  1. Ableitungsschnitt (Der Goldstandard): Der betroffene Ast wird mindestens 30-50 cm unterhalb der Mistel abgesägt. Wir leiten dabei auf einen gesunden, unbefallenen Seitenast ab. Nur so wird das Sauggeflecht sicher entfernt.

  2. Bereinigung (Notlösung am Stamm): Sitzt die Mistel direkt am Stamm oder an einem statisch wichtigen Hauptast, können wir diesen nicht absägen. Hier schneiden wir die Mistel bündig ab. Das heilt den Baum nicht, nimmt ihm aber für einige Jahre den Stress durch den Wasserverlust, bis die Mistel neu austreibt.

Vorher / Nachher

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Hier sehen Sie Beispiele unserer Arbeit. Oft sehen die Bäume nach dem Schnitt radikal “gerupft” aus – aber dies ist die einzige Chance für den Baum, neu auszutreiben und zu überleben.

Baum vor und nach dem Schnitt

Links: Ein stark befallener Apfelbaum, die Krone besteht fast nur noch aus Misteln. Rechts: Nach dem radikalen Rückschnitt hat der Baum die Chance auf einen Neuaustrieb.

Zusammen Streuobstwiesen retten

Alten und Jung gemeinsam gegen die Mistelplage.

Detailaufnahme Mistelwurzel

Im Querschnitt gut zu erkennen: Die Saugwurzeln der Mistel durchziehen das Holz tief. (Eine wunderbare Arbeit von einem Teilnehmer der Ausbildung zum Mistelwart, LPV Miltenberg, 2025)

Helft mit!

Habt ihr Misteln auf euren Bäumen? Wartet nicht zu lange. Je früher man eingreift, desto kleiner sind die Wunden für den Baum. Wir beraten euch gerne oder helfen bei unseren gemeinsamen Schnittaktionen.